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An der mit Stacheldrahtrollen versperrten Einfahrt zum zerstörten Hauptquartier der UN in Port-au-Prince steht ein haitianischer Wachmann und sagt: „Ayiti fini!“ Den klagenden Ausruf in der kreolischen Landessprache, wonach Haiti am Ende sei, hört man dieser Tage in vielen Gesprächen mit Überlebenden der Erdbebenkatastrophe.
Der Befund trifft den Sachverhalt: Seit einer Woche gibt es den Staat Haiti mit seinen etwa zehn Millionen Einwohnern nicht mehr - jedenfalls nicht so, wie er bis zum vergangenen Dienstag existierte. Das ärmste Land der westlichen Hemisphäre, eines der ärmsten Länder der Welt überhaupt, in dem vier Fünftel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben, hat eine unbeschreibliche Zerstörung menschlicher und auch wirtschaftlicher Existenz erlitten. Während die internationale Hilfe für die drei Millionen auf Hilfe zum bloßen Überleben Angewiesenen anläuft, beginnen die Haitianer mit den Aufräumarbeiten.
Gewiss mag es vereinzelt zu Plünderungen kommen, denn Verzweiflung und Not wachsen, doch der in sensationsheischenden Nachrichten erweckte Eindruck, das Land sei schon in Gewalt und Anarchie versunken, verfehlt die Wirklichkeit. Wer in Port-au-Prince beobachtet hat, wie die Menschen mit bloßen Händen die Trümmer forträumten, um Überlebende zu retten, wer sie diszipliniert in Warteschlangen vor den wenigen Ausgabestellen für Wasser und Lebensmittel stehen sah, kann den Haitianern nur Respekt zollen.
Wie aber geht es weiter mit Haiti? Die Versorgung mit dem Nötigsten durch den Einsatz der Staatengemeinschaft und vor allem der Vereinigten Staaten kommt jetzt endlich in Gang und wird hoffentlich dafür sorgen, dass die bisher im Ganzen stabile Sicherheitslage weiter konsolidiert werden kann. Für eine Übergangszeit muss Haiti eine Art humanitäres Protektorat werden, wobei die Staatengemeinschaft unter Führung der UN bald die Führung von den Vereinigten Staaten übernehmen muss. Von den vielen UN-Missionen in aller Welt gehört jene in Haiti zu den erfolgreicheren.
Es ist wesentlich ihrer Blauhelm-Truppe zu danken, dass nach dem zweiten (und hoffentlich endgültigen) Sturz Jean-Bertrand Aristides 2004 dessen marodierenden Banden nach und nach das blutige Handwerk gelegt werden konnte. Die Vereinten Nationen haben beim Einsturz ihres Missions-Hauptquartiers in Port-au-Prince den schlimmsten Tag ihrer Geschichte erlebt. Es ist eine moralische Verpflichtung und eine logische Schlussfolgerung, dass die UN-Mission nach dieser Tragödie mit einem neuen und erweiterten Mandat den Neubeginn Haitis vorantreibt.
Eine riskante Voraussage
Außenministerin Clinton hat bei ihrem „Frontbesuch“ die gut amerikanische Überzeugung geäußert, Haiti werde aus dieser Katastrophe „besser und stärker“ hervorgehen. Das ist eine riskante Voraussage. Denn es wird viele Milliarden kosten, viele Jahre dauern und viel politischen Willen vor allem in Washington brauchen, um das Land wieder auf jenes Niveau der Entwicklung zu bringen, das es bis zu dem Erdbeben erreicht hatte.
Das haitianische Volk ist in seiner Geschichte, die am Neujahrstag 1804 mit dem glorreichen Abwurf des französischen Kolonialjochs als erste freie Republik ehemaliger schwarzer Sklaven begann, immer wieder von unfähigen, korrupten und schlechterdings verrückten politischen Führern betrogen worden. Bis heute ist es das Paradoxon Haitis, dass die erstaunliche gesellschaftliche Kohäsion auf „Graswurzelebene“, die sich gerade in diesen Tagen wieder zeigt, keine nationale Führung hervorgebracht hat, die diesen Namen verdiente. Haiti wird erst dann aus dem Teufelskreis der Diktaturen, Putsche und humanitären Interventionen herausfinden, wenn es eine solche nationale Führung gibt. Zudem muss die schmale Basis seiner wirtschaftlichen Elite, die im wesentlichen von der Minderheit der Mulatten - sie machen etwa fünf Prozent der Bevölkerung aus - gestellt wird, verbreitert werden.
Eine amerikanische Herzensangelegenheit
Das aber bedarf langfristiger Verpflichtungen der Staatengemeinschaft. Wenn es Präsident Obama ernst meint mit seinem Credo von einer Ära der Partnerschaft Amerikas mit lauter Freunden auf Augenhöhe, dann muss er die UN-Mission für Haiti zu einer amerikanischen Herzensangelegenheit machen. Er muss sie mit viel Geld und politischer Rückendeckung aus Washington ausstatten und nicht wie sein Vorgänger Bush wie ein ungeliebtes Stiefkind behandeln.
Dass Milliarden für den Wiederaufbau gebraucht werden; dass die Landwirtschaft, mit der zwei Drittel der Haitianer ihren Lebensunterhalt in Subsistenzwirtschaft bestreiten, gefördert werden muss; dass die Infrastruktur, der Ausbildungssektor und die medizinische Versorgung ohne internationale Hilfe nicht wiederhergestellt oder gar verbessert werden können; dass schließlich die demokratischen Staaten zusammenstehen müssen, um den Aufbau eines demokratischen Haiti zu erreichen, das auf eigenen Füßen stehen kann - dies alles versteht sich von selbst. Das Gelingen dieses historischen Experiments ist nicht sicher, das Scheitern aber auch nicht. Haiti steht vielleicht an einem Neuanfang. Am Ende ist Haiti nicht. Auf Kreolisch: Ayiti pa fini!
Quelle: Faz.net
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